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Gerade ist die neue TUI-Jugendstudie 2026 veröffentlicht worden, und ich merke, wie sich etwas in mir zusammenzieht. Seit zehn Jahren befragt YouGov im Auftrag der Stiftung junge Menschen zwischen 16 und 26 Jahren in sieben europäischen Ländern, wie es ihnen geht, wie sie auf ihr Land, auf Europa und auf ihre eigene Zukunft blicken.

Das Ergebnis in diesem Jahr: Der Optimismus schwindet. In Deutschland glauben nur noch 52 Prozent der jungen Menschen an eine gute persönliche Zukunft, 2017 waren es noch 64 Prozent. Das Vertrauen in Parteien, Parlamente und Regierungen bleibt seit Jahren niedrig. Und nur noch 53 Prozent halten die Demokratie für die beste Staatsform, 2018 waren es 67 Prozent.

Zahlen wie diese lassen sich schnell abtun als das, was man von einer verunsicherten Generation eben erwartet. Aber ich glaube, das wäre zu einfach.

Freiheit bedeutet heute etwas anderes als noch 2022

Was mich an der Studie besonders beschäftigt: Junge Menschen verstehen Freiheit heute anders als noch vor vier Jahren. Gesund sein und nicht arm sein, das sind die Aspekte, die enorm an Bedeutung gewonnen haben. Politische Teilhabe, freie Wahlen, das Recht auf freie Meinungsäußerung, das alles rutscht dagegen nach hinten.

Ich lese das nicht als Desinteresse an Demokratie. Ich lese es als ein Symptom von Erschöpfung. Wer sich um die eigene Gesundheit und die eigene wirtschaftliche Existenz sorgt, hat wenig Kraft übrig, sich für politische Teilhabe einzusetzen, deren Wirkung sich ohnehin oft erst spät zeigt.

Und genau da wird es für uns bei eineARThaus konkret.

Das Gefühl für Demokratie beginnt früh

Wir arbeiten seit Jahren mit Kamishibai und Lichtgeschichten, mit dem Erzählen und Sichtbarmachen von Geschichten. Was viele zunächst für ein reines Sprachförderformat halten, ist für mich immer auch etwas anderes: ein Übungsraum für Teilhabe.

Wenn ein Kind, ein Jugendlicher, ein junger Erwachsener eine eigene Geschichte erzählen darf, wenn die eigene Perspektive gehört wird, dann entsteht dort etwas, das mit Demokratie zu tun hat, lange bevor es um Wahlrecht oder politische Debatten geht. Es entsteht die Erfahrung: Meine Stimme zählt. Meine Sicht auf die Welt hat einen Platz.

Genau diese Erfahrung fehlt vielen jungen Menschen gerade schmerzlich, wie die Studie zeigt. Sie beschreiben ihre Gefühlslage im eigenen Land mit Worten wie müde, beunruhigt, enttäuscht.

Mit unserem Projekt Deine Rechte. Dein Licht. setzen wir genau hier an. Über Licht und Schatten, über das gemeinsame Erzählen, geben wir jungen Menschen einen konkreten, sinnlichen Zugang zu ihren eigenen Rechten und zu der Frage, was Teilhabe für sie bedeutet. Alltagsnah, konkret, persönlich erlebbar.

Was die Zahlen für unsere Arbeit bedeuten

Die Studie zeigt auch: Wissenschaft ist die einzige Institution, der junge Menschen europaweit noch deutlich mehr vertrauen als misstrauen. Das ist eine Chance. Es zeigt, dass Vertrauen möglich ist, wenn Menschen erleben, dass ihnen ehrlich und auf Augenhöhe begegnet wird.

Genau das versuchen wir mit unserer pädagogischen Arbeit jeden Tag. Wir schulen Fachkräfte, die zuhören. Schaffen Formate, die einen Räume für Kreativität und Selbstwirksamkeit öffnen. Wir erzählen Geschichten, die offene Fragen zulassen anstatt Antworten zu diktieren.

Ich glaube fest daran: Vertrauen entsteht nicht durch Appelle, sondern durch die Erfahrung junger Menschen: Ich bin wirklich gemeint, meine Sicht der Dinge zählt und wird ernstgenommen, ich darf mitgestalten.

Wenn wir wollen, dass junge Menschen wieder an Demokratie im großen Zusammenhang glauben, müssen wir ihnen zeigen, dass Demokratie auch schon im Kleinen funktioniert. Im Klassenzimmer, im Jugendzentrum, im gemeinsamen Erzählen einer Geschichte.

Genau dafür arbeiten wir bei eineARThaus.


Autorin: Daniela Demmer

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Quelle: TUI-Jugendstudie 2026, Junges Europa, durchgeführt von YouGov Deutschland im Auftrag der TUI Stiftung
Fotocredit: (c) Lukas Held, Köln

Manchmal frage ich mich, warum wir in Bildungsdebatten so oft am falschen Ende anfangen. Wir sprechen über Kompetenzen, Standards, Defizite, Förderbedarfe und Messbarkeit. All das hat seinen Platz. Natürlich brauchen wir Orientierung. Natürlich brauchen wir Wissen darüber, wo Kinder Unterstützung brauchen. Natürlich dürfen wir nicht wegschauen, wenn Bildungsungleichheit sich verfestigt.1

Aber wenn ich mit Kindern arbeite, wenn ich sehe, wie sie auf ein Bild reagieren, wie sie einer Geschichte folgen, wie sie plötzlich selbst erzählen wollen und nach den für sie „richtigen“ Worten suchen, sie finden und aussprechen, dann wird mir immer wieder klar: Bildung beginnt nicht in vorgegebenen Zielrastern, sondern sie beginnt dort, wo der Funke überspringt.

Ein Kind lernt, wenn es mit jemandem – oder etwas – in Resonanz geht.

Welche inneren Prozesse laufen ab und müssen in gute Bahnen gelenkt werden, damit ein Kind, ein Jugendlicher, ein Erwachsener, dazulernt? Beispielsweise kommt man auf eigene Ideen, wenn eine Figur in der Kamishibai-Geschichte eine Frage aufwirft. Oder wenn Licht und Schatten einem Raum etwas Magisches verleihen, ein Bild eine Erinnerung weckt. Wenn ein anderes Kind, eine andere Person, etwas sagt, das einen auf eigene Gedanken bringt. Manchmal auch einfach dann, wenn jemand zuhört. In solchen Momenten öffnen sich neue Möglichkeiten des Lernens.

Menschen lernen, wenn sie innerlich beteiligt sind

Ich glaube zutiefst daran, dass Menschen aus intrinsischer Motivation lernen. Nicht ausschließlich deshalb natürlich. Wir alle brauchen manchmal Struktur, Begleitung und auch höhere Anforderungen, um uns weiterzuentwickeln. Aber nachhaltiges Lernen gelingt dann, wenn sich Menschen unmittelbar angesprochen fühlen, wenn sie erfahren, dass es tatsächlich um sie ganz persönlich geht. Wenn ein Kind spürt: Das hat jetzt wirklich mit mir zu tun. Lernprozesse gelingen dann, wenn es einen eigenen kreativen Zugang zum Thema findet und seinen Wissenszuwachs selbst gestalten kann.

Kunst und Kultur können genau dabei eine wichtige Unterstützung sein. Sie schaffen Räume, in denen Kinder schauen, staunen, deuten, fragen, ausprobieren, verwerfen, neu beginnen dürfen, ohne gleich bewertet zu werden – mit Noten und als Person. Und fast nebenbei geschieht dabei unglaublich viel: Sprach- und Sprechfähigkeiten entwickeln sich weiter, die Konzentrationsfähigkeit und der Wille, dabei zu bleiben, werden spürbar. Sozial-emotionale Kompetenzen wie ein empathischer Perspektivwechsel werden geübt; Gemeinschaft wird erfahrbar, Selbstwirksamkeit spürbar.2

Das ist für mich der Kern kultureller Bildung.

Nicht: Wir machen noch etwas Schönes, wenn der Lehrplaninhalt geschafft ist. Sondern: Durch das Schöne, Sinnliche, Kreative und Berührende wird das Eigentliche oft erst möglich.

Freude ist kein Gegensatz zu Bildung

Ich wünsche mir, dass wir die Bedeutung von echter Freude am Thema im Bildungskontext ernster nehmen. Freude wird manchmal missverstanden; nettes nice-to-have, schön, wenn es dir auch noch Spaß macht zu lernen.

Dabei ist Freude viel mehr. Sie ist eine geheime Superkraft, die Kinder ins Tun bringt. Sie macht aus lästiger Anstrengung ein aufmerksames Dranbleiben, ermöglicht Vertrauen und Beziehung und sie verleiht Mut.

Wenn ein Kind eine Geschichte weitererzählen will, dann arbeitet es an seiner Sprache, an grammatikalischen Strukturen, an Vorstellungskraft und sozialem Verstehen. Wenn es ein Bild gestaltet, trifft es kreative Entscheidungen. Wenn es eine Kamishibai-Geschichte selbst vermittelt, übt es Perspektive und Ausdruck. Wenn es mit anderen Kindern gemeinsam etwas erfindet, lernt es auszuhandeln, zuzuhören und sich einzubringen.

Das alles sind Bildungsprozesse.

Nur sehen sie nicht immer so aus, wie Bildung in Zahlen, Daten, Fakten und Aktenordnern aussieht.

Wie wir bei eineARThaus genau dafür Räume schaffen

Mit eineARThaus e.V. gestalten wir Räume, in denen Lernen nach diesen Gesichtspunkten ermöglicht wird – nein, fast wie nebenbei passiert.

In unseren “Räumen” lernen Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Herz und Hand. Wir wecken die Freude an Sprache und an gemeinsam geteilten Momenten durch das Erzählen und Lebendigmachen von Geschichten. Aus tiefster Überzeugung sagen wir: Kreativität öffnet jedem Menschen den Zugang zur Welt.

Die Kamishibai-Akademie und die Lichtgeschichten sind zwei konkrete Wege dorthin.

Kamishibai gibt Bildern einen Rahmen und Kindern eine Stimme. Die Lichtgeschichten öffnen über Licht und Schatten, Farben und Formen einen sinnlichen Zugang zum Erzählen. Beide Methoden sind analog, nahbar und zutiefst menschlich.

Für mich liegt darin eine leise, aber starke Antwort auf viele Fragen, die uns im Bildungssystem gerade beschäftigen.

  • Wie erreichen wir Kinder, die sich sprachlich noch unsicher fühlen?
  • Wie schaffen wir Teilhabe in heterogenen Gruppen?
  • Wie stärken wir Fachkräfte, ohne ihnen noch mehr Last aufzuerlegen?
  • Wie bringen wir Kinder ins Sprechen, Denken und Gestalten?

Meine Antwort auf diese Fragen finde ich oft in einem Bild, mit einer Geschichte und in einem gemeinsamen Moment.

Denn Bildung beginnt mit Begeisterung.

Und Begeisterung beginnt dort, wo ein Mensch spürt: Ich bin gemeint. Ich darf dabei sein. Genauso, wie ich bin. Ich darf etwas beitragen. Und ich darf etwas Neues, Spannendes, Großartiges lernen.


Autorin: Daniela Demmer
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Fotocredit: Lukas Held, Köln

Fußnoten und Quellen

1  Vgl. Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung (2026): Bildung in Deutschland 2026. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft. Der Bericht beschreibt Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft als durchgängige Strukturfrage über Bildungsphasen hinweg, besonders im Schwerpunktkapitel H.

2  Der Bildungsbericht betont die Bedeutung basaler Kompetenzen, insbesondere Sprache und Mathematik, als Voraussetzung für weitere Lernprozesse und gesellschaftliche Teilhabe. Vgl. Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung (2026): Bildung in Deutschland 2026, zentrale Befunde und Schwerpunktkapitel H.