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Wenn ich einer Kindergruppe Kamishibai-Geschichten erzählen möchte und die Flügeltüren des Butai öffne, passiert etwas Besonderes: Die Kinder richten sich fast unmerklich auf, werden still, ihre Augen weiten sich. Die Aufmerksamkeit ist fast greifbar. In diesem Moment beginnt im Gehirn der Kinder ein faszinierender Prozess, den die aktuelle Hirnforschung zunehmend besser versteht. Denn Kamishibai ist gehirngerechtes Lernen par excellence.

Warum Bilder in Erinnerung bleiben

Unser Gehirn verarbeitet visuelle Informationen deutlich schneller als Text. Wenn Kinder die großformatigen Bildkarten im Kamishibai-Rahmen, im Butai, betrachten, während sie eine Geschichte hören, wird das Gedächtnis doppelt kodiert: Das Bild eines kleinen Elefanten, der seinen Rüssel nicht heben kann, aber nicht aufgibt, es zu versuchen, verknüpft sich unmittelbar mit den ausgesprochenen Wörtern „traurig“, „Kraft“, „Mut“. Diese Verknüpfung schafft neuronale Verbindungen, die wesentlich stabiler sind als wenn sie durch rein sprachliche Informationen aufgebaut werden sollen.

In meiner Erzählpraxis erlebe ich immer wieder, dass sich Kinder noch Wochen später an Details von Kamishibai-Geschichten erinnern. Und zwar nicht, weil sie sich die Wörter gemerkt haben, sondern weil sie die Bilder vor ihrem inneren Auge sehen.

Der Unterschied zwischen analogem und digitalem Erleben

Hier wird es besonders interessant: Analoge und digitale Bilder werden vom Gehirn unterschiedlich verarbeitet. Eine aktuelle Metastudie untersuchte über 30 Studien zum Thema Lesen auf Papier versus Lesen auf digitalen Bildschirmen.[1] Das Ergebnis: Das Textverständnis und die Erinnerungsleistung sind bei analogem Material signifikant besser als bei digitaler Präsentation – besonders bei narrativen Texten. Und der Effekt zeigte sich besonders deutlich bei Kindern!

Die großformatigen Kamishibai-Karten, die die Geschichten haptisch und optisch erfahrbar machen, erzeugen eine andere Qualität der Aufmerksamkeit als Bildschirmbilder. Während digitale Bilder oft schnell wechseln und das Gehirn in einen reaktiven Modus versetzen, laden die Bildkarten aus festem Papier dazu ein, sich längere Zeit mit ihnen zu beschäftigen.

Multimodale Aktivierung: Wenn alle Sinne mitspielen

Was Kamishibai besonders wirksam macht, ist die multimodale Aktivierung verschiedener Hirnareale. Während ich erzähle, sehen die Kinder die Bilder, hören meine Stimme, beobachten meine Mimik und Gestik, spüren die Spannung im Raum, wenn ich die nächste Karte langsam Stück für Stück herausziehe.

Eine Studie aus dem Jahr 2020 zur multimodalen Sprachentwicklung bei Vorschulkindern zeigt: Kinder, die regelmäßig mit visuell unterstützten Narrativen arbeiten, können Geschichten signifikant besser nacherzählen und haben die gesprochenen Texte viel deutlicher verinnerlicht.[2] Die visuelle Komponente hilft den Kindern, die Struktur der Erzählung mental zu durchdringen. Sie haben be-griffen und ver-standen. Nicht umsonst sind diese Wörter körperlicher Natur!

Emotionale Verankerung: Der Turbo fürs Lernen

Kamishibai spricht nicht nur den Verstand an, sondern berührt auf emotionaler Ebene. Wenn die kleine Maus in der Geschichte Angst hat, fühlen die Kinder mit. Diese emotionale Beteiligung aktiviert zwei wesentliche Gehirnareale: die Amygdala und den Hippocampus. Diese Strukturen sind entscheidend für unser Langzeitgedächtnis, und emotional aufgeladene Informationen speichern wir lieber ab als andere.

Ich erinnere mich an einen fünfjährigen Jungen, den ich oft als unruhig erlebt hatte. Bei einer Geschichte über Freundschaft saß er ganz aufmerksam und mucksmäuschenstill da. Später konnte er die gesamte Geschichte nacherzählen, fast silbengetreu! Das Gehirn speichert, was mit unserem Inneren in Resonanz geht und uns bewegt.

Ausblick

Die neurobiologischen Grundlagen zeigen eindrucksvoll, warum Kamishibai so wirksam ist. Doch wie setzt sich diese Wirkung in der konkreten Sprachentwicklung fort? Und wie können wir Kamishibai im pädagogischen Alltag optimal nutzen? Darauf gehe ich im zweiten Teil dieses Beitrags ein.

 

Autorin: Daniela Demmer
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Fotocredit: (c) Lukas Held, Köln

Quellen

[1] Clinton-Lisell, V., Litzinger, Chr. (2026). Decoding digital reading: a network meta-analysis of comprehension across devices. https://doi.org/10.1007/s10639-025-13843-8

[2] Marentette, P. et al. (2020). Multimodal Language Development in Preschoolers: The Role of Visual Context in Supporting Narrative Comprehension. Frontiers in Psychology, 11. https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.525369/full